Was die Welt von der Rally Series lernen kann. Gründer André Lavadinho erklärt, wie seine Vision mit dem Projekt „Rally Series“ funktioniert.
Als ich diesen Text heute im englischen Original las, war ich komplett begeistert . André Lavadinho – ich kenne ihn als einen Fotografen-Kollegen bei der WRC – beschreibt hier über seine Leidenschaft und seinen Weg, wie er diesen von uns allen doch so geliebten Sport einem mit neuen, frischen Ideen einem breiten Publikum nahe bringen kann. Ich bat in spontan um die Genehmigung, eine deutsche Fassung zu erstellen, die ihr nun im folgenden lesen könnt. Lasst Euch davon ebenso begeistern, wie ich es getan habe. Danke André.
Die portugiesische Rallyewelt zeigte sich beim „Rallyspirit“-Event von ihrer feinsten Seite. Zusammen mit den „Slowly Sideways“ und dessen Chef Reinhard Klein machte sich auch das Team rund um John Wheeler auf die Reise. Mit keinem geringeren als dem Rallye-Weltmeister von 1984, Stig Blomqvist, brachte der Konstrukteur dieses einmaligen Fahrzeugs, den legendären Gruppe-S-Prototypen des Ford RS200, an den Start. Und mir wird einmal mehr die Ehre zuteil, als Copilot Stig die Pacenotes vorbeten zu dürfen.
Da denkst Du, nach meinem Einsatz zusammen mit Stig Blomqvist beim letztjährigen Eifel Rallye Festival, mehr könne nicht kommen, prompt wird’s noch bunter. Auf der 3-tägigen Veranstaltung im Norden Portugals rund um die Stadt Barcelos verlaufen die Sonderprüfungen entlang der für Rallyefreunde aus der ganzen Welt wohlklingenden Namen wie Sintra oder Fafe. Für Stig und mich heißt das, Showfahrten über 136 abgesperrte Sonderprüfungskilometer und insgesamt über 443 Kilometer im Cockpit des Mittelmotor-Boliden zu sitzen. Vorbei an mit Steinmauern eingegrenzten Feldern und Wiesen sowie durch Eukalyptuswälder, deren unvergleichlicher Duft bis ins Auto hineindringt.
Nachdem freitags vor der Veranstaltung die Rallyeautos in spezielle Autotransporter verladen wurden, machten dieser sich auf die 2.100 Kilometer lange Reise nach Portugal. Der Sammelpunkt zum Verladen war das Materiallager des Eifel Rallye Festivals. Die Auflieger des Transporters waren komplett verschlossen. Mit den Boliden an Bord war das bei der Beladung schon ein faszinierender Anblick. Was Reinhard Klein, Chef der „Slowlys“, mit dem Begriff „Luxus-Laster“ kommentierte. Angesichts der Vielzahl von historischen Gruppe 4 und Gruppe B Rallyeautos bekommt der Begriff eine interessante Doppeldeutigkeit hinsichtlich seiner Besitzer.
Um so besser, dass meine Anreise mit dem Flugzeug nur zweieinhalb Stunden dauerte. Und ja, ich war ein „Lucky Man“ als ich in Porto vom Veranstalter am Gate persönlich in Empfang genommen wurde. Fast zeitgleich war nämlich auch Nicky Grist gelandet und er als VIP erfährt natürlich eine gewisse Sonderbehandlung. Und ich konnte davon profitieren und musste fortan nicht mehr drüber nachdenken, wie ich denn von Porto ins gut 50 Kilometer entfernte Rallyezentrum komme.
Dieses zufällige Zusammentreffen führte dann dazu, dass ich mit Nicky zusammen den Nachmittag im Café verbrachte. Und für mich bot dieses Zusammentreffen einen Einblick in eine neue Welt. Er erzählt abseits von Kamera und Mikrofon ausführlich über seine Zeit mit Malcolm Wilson, Juha Kankkunen und Colin MacRae. Insgesamt bestritt der mittlerweile 64-jährige sympathische Waliser 128 Weltmeisterschaftsläufe mit 43 Podiumsplatzierungen und 21 Siegen. Auch beim gemeinsamen Abendessen und einer guten Flasche heimischen Rotweins ging es natürlich weiter um die unfassbare Karriere von Nicky und seinen Empfehlungen und Tipps rund um den Aufschrieb und die Technik des exakten Vorlesens. Man lernt nie aus …
Es folgten 2 Tage gemeinsames Recce mit Stig. Im Mietwagen gings über die Sonderprüfungen. Was mit einem Blick auf die Karte als schnelle Angelegenheit aussah, entpuppte sich als zeitraubende Vorbereitung. Unzählige Kurven durch fantastische Landschaften sorgten dafür, dass ich mir die sprichwörtlichen wunden Finger schrieb. Trotz zügiger Fahrweise von Stig konnte ich den englischsprachigen Schrieb flüssig notieren. Und woran erkennt man als Copilot den Profi? Auf den gesamten 136 Kilometern Prüfungen korrigierte Stig bei jeweils drei Durchgängen nur ein einziges Mal seine Ansage.
Der Start erfolgte in Porto direkt am Ufer des Douro, der Fluss, der angeblich auch die Grenzen zwischen Nord- und Südportugal bildet. Die Fans waren schon bei der Einfahrt in den Startpark zu hunderten vertreten. Und Stig wurde direkt von Menschentrauben umgeben und gebeten, die mitgebrachten Fotos, Bücher, Caps, T-Shirts und Modellautos zu unterschreiben. Dieses Schauspiel sollte sich an zahlreichen Stellen des Streckenverlaufs wiederholen. Mit viel Ruhe und Gelassenheit erfüllt Stig alle Wünsche, egal ob Autogramme, Interview oder gemeinsame Fotos. Da wurde mir klar: Stig Blomqvist ist und bleibt ein echter Rallyeweltstar und ich darf ihn hautnah begleiten.
Nach dem Start gings durch das Zuschauerspalier auf die Hauptstraße. Dort warteten die Fans rechts und links der Fahrbahn in 3er-Reihen und Stig erhielt „Standing Ovations“. So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Über eine Strecke von ca. einem halben Kilometer klatschen und jubelten die Zuschauer dem Rallye-Weltmeister von 1984 zu. Über zwei Sonderprüfungen führte die Fahrt zurück ins Rallyezentrum nach Barcelos.
Wenn Du Stig so nah beobachten kannst, wie ich es konnte, fällt sofort auf, wie präzise der fast 80-jährige Schwede immer noch fährt. In den Kurven wird der Lenkradeinschlag nie korrigiert, es passt einfach. Das Übrige trägt natürlich sein Linksbremsen dazu bei. Er ist der Meister darin und Generationen von Rallyefahrern haben versucht, es ihm nachzumachen. Mit dem dosierten Einsatz des linken Fußes auf der Bremse stabilisiert er das Auto oder lässt es mit einem beherzten Tritt gezielt das Heck sanft ausbrechen, je nach Fahrsituation. Schade, dass ich nicht mehr Zeit hatte, diese Fußarbeit zu studieren – aber das Vorlesen des Gebetbuchs hatte natürlich Vorrang.
Am späten Samstagnachmittag liefen wir ohne jegliche technischen Probleme am Auto im Ziel ein. Dank der tollen Vorbereitung von John Wheeler lief der Ford RS200 wie ein Uhrwerk. Überflüssig zu erwähnen, dass auch hier die bereits zitierten Menschentrauben das Auto und Stig umstellten. Was folgte, war ein Dinner für die Teilnehmer unter freiem Himmel. Damit verbunden waren viele Gespräche mit interessanten Menschen und dem Veranstalter und Helfern rund um Pedro Ortigão. Eine rundherum gelungene Veranstaltung geht mit der offiziellen Zieldurchfahrt um 22:00 Uhr zu Ende. Der Jubel der Fans hallt nach …
Zum Schluss meiner Reportage noch eine abschließende persönliche Anmerkung: Mir ist klar, dass nicht viele Menschen die Gelegenheit haben, bei einer so großartigen Veranstaltung über mehrere Tage mit einem Rallye-Weltmeister zusammen ein solches Erlebnis genießen durfte. Ich bin nicht nur Stig dafür sehr dankbar, sondern auch John. Ich denke, ich kann an dieser Stelle schon von einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen uns sprechen. Ich musste immer wieder daran denken, wie ich als 22-jähriger bei der 83er Rallye Monte-Carlo Stig das erste Mal bei einem Weltmeisterschaftslauf sehen durfte. Das Erste, was ich vom Quattro sah, war das Heck, das weit ausgeschwenkt den Kurvenscheitelpunkt umdriftete. Stig ist ein Macher, der die Kunst des Rennfahrens beherrscht. Für ihn zählt nicht die letzte halbe Umdrehung von irgendwelchen Fahrzeugeinstellungen, er ist ein Racer, er fährt sein Ding einfach raus!
Und ich erinnere mich noch allzu gut, dass nach den etwas unglücklichen Versuchen mit dem Ford Escort RS1700T dann die Entwicklung des RS200 startet und die Autos erstmalig in der Saison 1986 eingesetzt wurden. RallyeRacing sei Dank mit tollen Berichten und Fotos. Es fiel immer wieder der Name des Entwicklers John Wheeler. Der übrigens seinerzeit bei Ford Malcolm Wilson als Testfahrer einstellte. Auch er ist für mich eine Legende. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn sich John in die Technik seines Autos stürzt. Er kennt nicht nur sprichwörtlich jede Schraube, sondern er kann vermutlich auch die Maße und Gewicht jeder Schraube nennen. Danke an Stig und John für dieses weitere Highlight in meinem Rallyeleben.
In letzter Zeit hörte ich bei meinen Gesprächen mit Rallyefahrern und Teams, wie toll es doch auf der Rundstrecke ist, wenn dort Catering für Sponsoren und Gäste zur Verfügung stehen und diese dort auch ihre Produkte präsentieren können. Für die Gäste ist es bequem, von dort aus auch direkt an die Rennstrecke zu gehen und ansonsten die Rennverlauf auf Bildschirmen in der Lounge verfolgen zu können. Verbunden mit den Kommentaren des Streckensprechers und Rundenzeiten direkt von der Zeitnahme.
Müssen die deutschen Rallyeveranstalter über neue Konzepte zu modernen Rallyes nachdenken? Auf jeden Fall. Wie wäre es mit attraktiven Serviceparks in Citynähe? Gepflastert, keine Schlammwüste bitte! So wie die Sachsen-Rallye mit ihrem Servicepark mitten in der Innenstadt in Zwickau? Dort wurde eine völlig neue Zuschauerklientel angesprochen, nämlich einfach ein Laufpublikum und auch Familien. Oder die Rallye Schweden in ihrer „Red Barn Arena“? Dort fahren die Boliden gleich 4 Mal an 4 Tagen des Rallye-Weltmeisterschaftslaufes durch die stadionähnliche Arena. Und mittendrin ein VIP-Zelt – bei Temperaturen von mehr als 20 Grad minus natürlich beheizt – in dem die Gäste bewirtet werden, mit Informationen versorgt werden und es nur 5 Schritte aus der Tür heraus bedarf, um direkt an der Piste Rallyeautos spektakulär über Kuppen springen zu sehen. Aufgebaut und betrieben durch den Veranstalter, können Sponsoren, WM-Teams und auch Zuschauen hier ihre VIP Tickets kaufen. Der Veranstalter liefert, Interessierte können sich in ein professionelles Umfeld einkaufen.
Mir ist schon klar, dass speziell das letzte Beispiel aus Schweden natürlich die „Elite-Version“ ist. Aber auch der Serviceplatz als zentrale Drehscheibe, ausgestattet mit Bewirtungsmöglichkeiten und Ausstellungsfläche für Sponsoren, sollte neue Möglichkeiten für moderen Rallyes bieten. Die Veranstalter der Hellendoorn-Rallye beispielsweise bekommen das ganz hervorragend hin. Am Samstagnachmittag nutzen hier Familien den Servicepark aus Ausflugsziel. Eine Show-WP in der Nähe – in Zwickau war es die „Glück-Auf-Brücke“ – Live-Übertragungen über großen Bildschirme mit fachkundigen Moderatoren, Stage-End-Interviews und Livezeiten? Leute, es ist alles möglich, die Technik ist vorhanden und kann mit wenig Aufwand eingesetzt werden. Zum Mehrwert für die Zuschauen, Sponsoren und Teams. Die Zeiten aus den 70er und 80er Jahren sind vorbei, Rallyes sind keine Zuverlässigkeitsfahren mehr, sondern Sprintrennen geworden. Wir alle, die wir unseren Rallyesport so lieben, sind gefragt, die Faszination zu den Menschen zu bringen. Mein Appell: Seid kreativ!
Ich hoffe, Ihr seid gut ins neue Jahr gekommen und dass alle Eure Wünsche in Erfüllung gehen sowie natürlich das wichtigste, Gesundheit!
Ich habe in der Zwischenzeit einiges an Housekeeping erledigt. Wie zum Beispiel meine Website „FOR RALLYE“ (www.r4llye.de). Viele von Euch kennen sie sicher, es gibt sie bereits im 6. Jahr. Bislang hat sie eher, man kann fast schon sagen, ein Schattendasein geführt. Als ich nun in die Analyse eingestiegen bin und mir die Zahlen angeschaut habe, war ich jedoch überrascht. Das Interesse für diese Seite ist wirklich groß und die Inhalte werden nachgefragt – egal ob Evergreens wie Termine im Meisterschaftskalender oder aktuelle Berichte zu Veranstaltungen oder exklusive Interviews. Und deshalb habe ich Website jetzt auf Vordermann gebracht und möchte sie als Ergänzung zum ANTRIEB Magazin nutzen, um hier für Euch aktuelle Themen behandeln.
Als ich an einem dunklen Winternachmittag durch die Timeline von Intagram scrollte, erreichte mich ein lustiges Bildchen von John Wheeler, der Konstrukteur des legendären Ford RS 200, der 1986 in der Rallyeweltmeisterschaft für Furore sorgte. Es ist ein von der KI erstelltes Foto von Stig Blomqvist und mir in einer weißen Winterlandschaft und er fragte mich in seiner E-Mail, ob wir beim Recce für die Monte seien. Haha … Die Grundlage war wohl ein Foto von Stig und mir beim Eifel Rallye Festival, dass dann das Motiv in die verschneite Berglandschaft verwandelt hat. Diesen netten Gag will ich Euch nicht vorenthalten:
Apropos Rallye Monte-Carlo: Als ich im Instagram-Feed auf Filmclips der Teams zu ihren Tests im realen Schnee stieß, dachte ich mir, Schade, dass Kalle Rovanperä nicht mehr mit dabei ist. Was wohl Jonne Halttunen jetzt macht? Ob ihm langweilig ist, weil er ansonsten ja ebenfalls in den französischen Seealpen unterwegs wäre? Gedacht, getan, ich habe einfach mal direkt per WhatsApp bei ihm nachgefragt. Und daraus entwickelte sich ein komplettes Interview, das ich exklusiv als Interview hier veröffentlicht habe. Ich war erstaunt, wie ausführlich er über seine Situation berichtet, ein bisschen Wehmut über seine Zeit mit Kalle in der WM klingt für mich hier und da auch durch und zum Schluss gibts noch einige „Quickys“, 8 ganz persönlichen Fragen und Antworten. Viel Spaß beim Lesen.
Ihr Freunde des Rallyesports, liebe Leser und Fans des ANTRIEB-Magazins,
ereignisreiche Zeiten – was für ein Jahr! Die letzte Ausgabe des ANTRIEB Magazins in 2025 ist ausgeliefert, also Zeit für einen persönlichen Rückblick auf das Jahr und ein dickes „Dankeschön“ an alles Leser des ANTRIEB und all diejenigen, die mit ihrer Anzeige den ANTRIEB in dieser Form erst ermöglichen.
Im Rahmen der dritten Central European Rally präsentierten die Slowly Sideways vor weltmeisterlicher Zuschauerkulisse einen Querschnitt historischer Rallyeautos. Zu meiner großen Freude hatte ich die Ehre, den Konstrukteur des legendären Ford RS200, John Wheeler, in seinem Auto zu begleiten. Neben meinen beschiedenen Zeilen beschreibt auch John Wheeler hier die Eindrücke aus seiner Sicht. Viel Spaß beim Lesen!
Manche Träume werden wahr. Als ich Stig Blomqvist das erste Mal in einem Rallyeauto sah, war ich 22 Jahre alt und stand in der Nacht bei der Rallye Monte-Carlo an der Sonderprüfung „Uriage les Bains“ in der Nähe von Grenoble. Das war 1983. Das Erste, was ich von dem Audi Quattro A1 auf der 27,8 Kilometer langen Prüfung zu sehen bekam, war das markante Heck des Quattros mit dem dort montierten Ölkühler. Es war für mich unfassbar, wie Stig so quer und gleichzeitig so schnell fahren konnte. Auf dieser zweiten Sonderprüfung der 83er Rallye Monte-Carlo verbließ der Schwede die gesamte Konkurrenz mit einem Vorsprung von 21 Sekunden nicht nur auf Markenkollegin Michèle Mouton, sondern schenkte auch Walter Röhrl im Lancia Rally 037 dort über eine Minute ein und Übernahme damit auch die Gesamtführung. Seitdem war Stig für mich ein Held.
Der Piazza Duomo im norditalienischen Städtchen Biella liegt in der schwülen Mittagssonne. 32 Grad im Schatten treibt auch die letzten aktiven Menschen in die Bar »Matteo Caffè e Cucina«, die am schattigen Rand des Platzes liegt. Die Uhr des alten Kirchturms schlägt bedächtig zur vollen Stunde. Einige Tauben gurren. Siesta.