
Die portugiesische Rallyewelt zeigte sich beim „Rallyspirit“-Event von ihrer feinsten Seite. Zusammen mit den „Slowly Sideways“ und dessen Chef Reinhard Klein machte sich auch das Team rund um John Wheeler auf die Reise. Mit keinem geringeren als dem Rallye-Weltmeister von 1984, Stig Blomqvist, brachte der Konstrukteur dieses einmaligen Fahrzeugs, den legendären Gruppe-S-Prototypen des Ford RS200, an den Start. Und mir wird einmal mehr die Ehre zuteil, als Copilot Stig die Pacenotes vorbeten zu dürfen.
Da denkst Du, nach meinem Einsatz zusammen mit Stig Blomqvist beim letztjährigen Eifel Rallye Festival, mehr könne nicht kommen, prompt wird’s noch bunter. Auf der 3-tägigen Veranstaltung im Norden Portugals rund um die Stadt Barcelos verlaufen die Sonderprüfungen entlang der für Rallyefreunde aus der ganzen Welt wohlklingenden Namen wie Sintra oder Fafe. Für Stig und mich heißt das, Showfahrten über 136 abgesperrte Sonderprüfungskilometer und insgesamt über 443 Kilometer im Cockpit des Mittelmotor-Boliden zu sitzen. Vorbei an mit Steinmauern eingegrenzten Feldern und Wiesen sowie durch Eukalyptuswälder, deren unvergleichlicher Duft bis ins Auto hineindringt.
Nachdem freitags vor der Veranstaltung die Rallyeautos in spezielle Autotransporter verladen wurden, machten dieser sich auf die 2.100 Kilometer lange Reise nach Portugal. Der Sammelpunkt zum Verladen war das Materiallager des Eifel Rallye Festivals. Die Auflieger des Transporters waren komplett verschlossen. Mit den Boliden an Bord war das bei der Beladung schon ein faszinierender Anblick. Was Reinhard Klein, Chef der „Slowlys“, mit dem Begriff „Luxus-Laster“ kommentierte. Angesichts der Vielzahl von historischen Gruppe 4 und Gruppe B Rallyeautos bekommt der Begriff eine interessante Doppeldeutigkeit hinsichtlich seiner Besitzer.
Um so besser, dass meine Anreise mit dem Flugzeug nur zweieinhalb Stunden dauerte. Und ja, ich war ein „Lucky Man“ als ich in Porto vom Veranstalter am Gate persönlich in Empfang genommen wurde. Fast zeitgleich war nämlich auch Nicky Grist gelandet und er als VIP erfährt natürlich eine gewisse Sonderbehandlung. Und ich konnte davon profitieren und musste fortan nicht mehr drüber nachdenken, wie ich denn von Porto ins gut 50 Kilometer entfernte Rallyezentrum komme.
Dieses zufällige Zusammentreffen führte dann dazu, dass ich mit Nicky zusammen den Nachmittag im Café verbrachte. Und für mich bot dieses Zusammentreffen einen Einblick in eine neue Welt. Er erzählt abseits von Kamera und Mikrofon ausführlich über seine Zeit mit Malcolm Wilson, Juha Kankkunen und Colin MacRae. Insgesamt bestritt der mittlerweile 64-jährige sympathische Waliser 128 Weltmeisterschaftsläufe mit 43 Podiumsplatzierungen und 21 Siegen. Auch beim gemeinsamen Abendessen und einer guten Flasche heimischen Rotweins ging es natürlich weiter um die unfassbare Karriere von Nicky und seinen Empfehlungen und Tipps rund um den Aufschrieb und die Technik des exakten Vorlesens. Man lernt nie aus …
Es folgten 2 Tage gemeinsames Recce mit Stig. Im Mietwagen gings über die Sonderprüfungen. Was mit einem Blick auf die Karte als schnelle Angelegenheit aussah, entpuppte sich als zeitraubende Vorbereitung. Unzählige Kurven durch fantastische Landschaften sorgten dafür, dass ich mir die sprichwörtlichen wunden Finger schrieb. Trotz zügiger Fahrweise von Stig konnte ich den englischsprachigen Schrieb flüssig notieren. Und woran erkennt man als Copilot den Profi? Auf den gesamten 136 Kilometern Prüfungen korrigierte Stig bei jeweils drei Durchgängen nur ein einziges Mal seine Ansage.
Der Start erfolgte in Porto direkt am Ufer des Douro, der Fluss, der angeblich auch die Grenzen zwischen Nord- und Südportugal bildet. Die Fans waren schon bei der Einfahrt in den Startpark zu hunderten vertreten. Und Stig wurde direkt von Menschentrauben umgeben und gebeten, die mitgebrachten Fotos, Bücher, Caps, T-Shirts und Modellautos zu unterschreiben. Dieses Schauspiel sollte sich an zahlreichen Stellen des Streckenverlaufs wiederholen. Mit viel Ruhe und Gelassenheit erfüllt Stig alle Wünsche, egal ob Autogramme, Interview oder gemeinsame Fotos. Da wurde mir klar: Stig Blomqvist ist und bleibt ein echter Rallyeweltstar und ich darf ihn hautnah begleiten.
Nach dem Start gings durch das Zuschauerspalier auf die Hauptstraße. Dort warteten die Fans rechts und links der Fahrbahn in 3er-Reihen und Stig erhielt „Standing Ovations“. So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Über eine Strecke von ca. einem halben Kilometer klatschen und jubelten die Zuschauer dem Rallye-Weltmeister von 1984 zu. Über zwei Sonderprüfungen führte die Fahrt zurück ins Rallyezentrum nach Barcelos.
Wenn Du Stig so nah beobachten kannst, wie ich es konnte, fällt sofort auf, wie präzise der fast 80-jährige Schwede immer noch fährt. In den Kurven wird der Lenkradeinschlag nie korrigiert, es passt einfach. Das Übrige trägt natürlich sein Linksbremsen dazu bei. Er ist der Meister darin und Generationen von Rallyefahrern haben versucht, es ihm nachzumachen. Mit dem dosierten Einsatz des linken Fußes auf der Bremse stabilisiert er das Auto oder lässt es mit einem beherzten Tritt gezielt das Heck sanft ausbrechen, je nach Fahrsituation. Schade, dass ich nicht mehr Zeit hatte, diese Fußarbeit zu studieren – aber das Vorlesen des Gebetbuchs hatte natürlich Vorrang.
Am späten Samstagnachmittag liefen wir ohne jegliche technischen Probleme am Auto im Ziel ein. Dank der tollen Vorbereitung von John Wheeler lief der Ford RS200 wie ein Uhrwerk. Überflüssig zu erwähnen, dass auch hier die bereits zitierten Menschentrauben das Auto und Stig umstellten. Was folgte, war ein Dinner für die Teilnehmer unter freiem Himmel. Damit verbunden waren viele Gespräche mit interessanten Menschen und dem Veranstalter und Helfern rund um Pedro Ortigão. Eine rundherum gelungene Veranstaltung geht mit der offiziellen Zieldurchfahrt um 22:00 Uhr zu Ende. Der Jubel der Fans hallt nach …
Zum Schluss meiner Reportage noch eine abschließende persönliche Anmerkung: Mir ist klar, dass nicht viele Menschen die Gelegenheit haben, bei einer so großartigen Veranstaltung über mehrere Tage mit einem Rallye-Weltmeister zusammen ein solches Erlebnis genießen durfte. Ich bin nicht nur Stig dafür sehr dankbar, sondern auch John. Ich denke, ich kann an dieser Stelle schon von einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen uns sprechen. Ich musste immer wieder daran denken, wie ich als 22-jähriger bei der 83er Rallye Monte-Carlo Stig das erste Mal bei einem Weltmeisterschaftslauf sehen durfte. Das Erste, was ich vom Quattro sah, war das Heck, das weit ausgeschwenkt den Kurvenscheitelpunkt umdriftete. Stig ist ein Macher, der die Kunst des Rennfahrens beherrscht. Für ihn zählt nicht die letzte halbe Umdrehung von irgendwelchen Fahrzeugeinstellungen, er ist ein Racer, er fährt sein Ding einfach raus!
Und ich erinnere mich noch allzu gut, dass nach den etwas unglücklichen Versuchen mit dem Ford Escort RS1700T dann die Entwicklung des RS200 startet und die Autos erstmalig in der Saison 1986 eingesetzt wurden. RallyeRacing sei Dank mit tollen Berichten und Fotos. Es fiel immer wieder der Name des Entwicklers John Wheeler. Der übrigens seinerzeit bei Ford Malcolm Wilson als Testfahrer einstellte. Auch er ist für mich eine Legende. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn sich John in die Technik seines Autos stürzt. Er kennt nicht nur sprichwörtlich jede Schraube, sondern er kann vermutlich auch die Maße und Gewicht jeder Schraube nennen. Danke an Stig und John für dieses weitere Highlight in meinem Rallyeleben.




















Text: Lothar Bökamp


