
Stig Blomqvist, der Rallye-Weltmeister von 1984, bekam in diesem Jahr gleich zwei Startnummern beim Rallyespektakel in der Eifel zugeteilt. Das hatte zunächst einmal nichts mit seinem bevorstehenden 80. Geburtstag zu tun. Zu seinen Ehren organisierte der Veranstalter quasi eine Parade mit all den Fahrtzeugtypen, mit denen Stig in seiner langen Karriere im Rallyesport unterwegs war. Und er sollte den Tross im Ford RS200 Gruppe S Prototyp anführen. Jenes Auto, dass der geistige Vater und Konstrukteur des RS200, John Wheeler, seinerzeit als Nachfolgemodell der Gruppe B entwickelt hatte und das heute in seinem Besitz ist.
Durch Umstände ergab es sich, dass sich John dieses Auto mit Stig Blomqvist teilen würde. So tauchte in der Nennliste die Startnummer 11 zweimal auf: Das Team Stig Blomqvist/Lothar Bökamp und John Wheeler/Hans-Åke Söderquist. Was hier und da bereits für Verwirrung sorgte. Die um die 40.000 Besucher des diesjährigen Festival konnten jedoch an den Namensaufklebern stets erkennen, wer gerade hinter dem Volant saß.
Mit diesem Verwirrspiel war es jedoch noch nicht genug. Audi Tradition brachte den Gruppe S Prototypen und einen Quattro A2 aus dem Ingolstädter Museum nach Daun. Nach dem Ausfall von Harald Demuth eigentlich nur als stehende Ausstellungsstücke geplant. Doch dann führte ein zufälliges Zusammentreffen von Audi Tradion und Stig Blomqvist beim Goodwood Festival of Speed zu der Idee, das der Ex-Weltmeister in “seinem” Quattro, mit dem er im Weltmeisterschaftsjahr 1984 zweiter bei der Rallye Monte-Carlo wurde und die darauffolgende Schweden-Rallye gewann, einige Demontrationsrunden zu drehen. Also gab es das Team Stig Blomqvist/Lothar Bökamp jetzt auch noch mit der Startnummer 3.
Ich selbst erfuhr von dieser Aktion erst in der Veranstaltungswoche bei einem Telefonat mit John Wheeler. Wir hatten noch organisatorische Fragen zu klären und im Nebensatz fragte John mich: “Weißt Du eigentlich, dass du mit Stig auch im Audi fährst”? Nö, wusste ich nicht, aber ein schneller Blick in die aktualisierte Starterliste zeigte, dass es sich keinesfalls um einen Scherz handelte.
Und für mich sollte dies ein persönliches Highlight werden. War es doch exakt dieses Auto, das ich bei meinem Monte-Besuch 1984 mit Stig hinter dem Steuer bei der Rallye Monte-Carlo fotografierte. Als junger Kerl war eine Mitfahrt in diesem Auto und diesem Fahrer natürlich eine Traumvorstellung mit dem festen Glauben, dieses würde selbstverständlich nie passieren.
Und plötzlich stehe ich dann am Samstagmorgen, den 25. Juli 2026, also mehr als 42 Jahre nach dem ersten Zusammentreffen, voller Ehrfurcht im Zelt von Audi Tradition vor dem Auto mit der Zulassung IN-NR 64. Aber zum Staunen bleibt nicht viel Zeit. Routinier Stig hat bereits seinen Helm ins Fahrzeug gelegt. Ich nehme derweil meine Unterlagen aus der Beifahrertasche und platzierte sie in der rechten Seitentür in die penibel gearbeiteten und dafür vorgesehen Fächer. Roadbook: Check! Pacenotes: Auch dabei. Der Halda-Streckencomputer ist nicht mehr in Betrieb, also muss die Tripmaster-App auf meinem iPhone für die korrekte Meteranzeige herhalten. Jetzt noch die Einstellung der Gurte checken und den Adapter für die Stilo-Intercom einstöpseln.





Und schon startet Stig den Boliden um ihn warmlaufen zu lassen. Nach ein paar Minuten rollen wir aus dem Zelt und fahren die Rallyemeile entlang zum Kino von Daun, an der sich traditionell die Start-ZK befindet. Und auf gehts zur Reise zu den ersten beiden Showprüfungen.
Nach dem Start dort erscheint mir der Schub des “Oldies” gegenüber dem Ford RS200 doch verhalten. Okay, es liegen ja auch 4 Jahre “Gruppe-B-Entwicklungsarbeit” zwischen den Autos. Timo Witt von Audi Tradition wird nachher aufklären, dass der Ladedrucks des Turbos auch nicht mehr den Originalwerten entspricht, man wolle keine Schäden an der in die Jahre gekommenen Technik produzieren. Das erscheint mir plausibel.
Interessanterweise habe ich im Auto das typische Geräusch des 5-Zylinder-Motors gar nicht so wahrgenommen. Jener trompetenartiger Sound, der Rallyefans in der ganzen Welt entzückte. Ich ließ mir jedoch berichten, dass von außen der Quattro nach wie vor mit dieser Klangkulisse unterwegs war. Ganz so spektakulär wie in den 80ern gings mit dem mit Straßenreifen besohlten Allradler eh’ nicht um die Ecken, mit fehlendem Grip hatte sich der Altmeister vorgenommen, den Mechanikern keine Karosseriearbeiten zu bescheren.
Dann fuhren sie in einem Ford fort …
Wie bereits im letzten Jahr standen die beiden RS200 des RS CC Distomo Teams am gewohnten Platz in der Ecke des Serviceplatzes in Daun. Die Gruppe-S-Variante von John Wheeler und das Gruppe-B-Fahrzeug des Briten Ross Ahlgren stehen wie zwei Geschwister nebeneinander. Die Fahrzeuge wurden wieder einmal von Peter, Adam und Sam Bennett perfekt betreut. Für das leibliche Wohl inklusiv gekühlter Getränke sorgte Trucker Alex. Der übrigens sein Sofa nach Daun mitbrachte, was für viele interessierte Blicke in unsere Serviceecke sorgte.
Die Schleife am Samstagnachmittag nehmen Stig und ich dann mit Startnummer 11 im RS200 Gruppe S in Angriff. Dabei gab es spannende Begegungen mit anderen Teilnehmern auf den Showprüfungen. Beim ersten Gegner verabschiedet sich das Getriebe mit einer blauen Ölfahne, so dass dieser vor uns ausrollt. Auf der Prüfung »Vulkanhöhe« entdecken wir einen “Flügelmonster”-Quattro in einiger Entfernung vor uns. Es ist aber nur eine Frage von wenigen Sekunden, bis dass Stig diesem “im Kofferraum” steht. Der Kollege hat uns wohl noch nicht gesehen (oder will er gar einem Ex-Weltmeister beweisen, wie schnell er ist?), in sauschnellen Passagen bleibt Stig auf dem Gaspedal, der Kollege vor uns lupft, und gefühlt verringert sich schlagartig der Abstand auf 10 Zentimeter … oder so. Stig will an ihm vorbeiziehen, aber er lenkt mehrfach sein Fahrzeug in die Lücken. Das Spiel geht fast eine Runde so. Doch dann kommt die Chance: Vermutlich verschaltet sich der Möchtegern-Profi vor uns, Stig zieht an ihm vorbei und er wart nicht mehr gesehen. Ciao Amigo!
Und wieder kommt diese sauschnelle Passage vor Schikane mit anschließdendem kurzen Schotterstück. Stigs rechter Fuß tritt das Pedal bis aufs Bodenblech, wir fahren jenseits der 200 Stundenkilometer. Ich spüre, wie der Apparat anfängt, leicht nach außen zu wandern. Unsereins hätte das Lenkrad dann wohl nur noch ganz zärtlich mit sensiblen Fingern gelenkt. Stig schien es zu genießen und bremst einige Sekunden später das Auto zusammen, huscht durch die Strohballen-Schikane und wir verschwinden in der staubigen Schotterpassage. Whhowwwwww … das war geil!







Am Abend genießt unser Team noch ein gemeinsames Essen. Auch die schönsten Tage gehen einmal zuende. Ich freue mich, dass ich in dieser illustren Runde “adoptiert” wurde. Nach einem Besuch der Party auf der Rallyemeile gehts dann ins Hotel, Bei dem ein oder anderen Kaltgetränk werden die Erlebnisse in trauter Runde und viel Humor erzählt und Pläne für die nächsten Einsätze geschmiedet. Eine unvergessliche »Race-Week« geht zuende und neue Erinnerungen bleiben zurück. Am Montag erscheinen in unserer WhatsApp-Gruppe viele Kommentare aus dem Alltag mit wehmütigen Rückblicken auf das Eifel Rallye Festival 2026. Wir freuen uns aufs nächste Jahr!































